Sammlung
Dziga Vertov bei der Montage von "Tri pesni o Lenine", 1934
Schon in den 1960er Jahren hat das Österreichische Filmmuseum begonnen, Filme, Fotos, Plakate und andere Dokumente von und über den Filmemacher, Filmtheoretiker und Pionier des modernen Kinos Dziga Vertov zu sammeln. Sein Schaffen stellte von Beginn an eine der zentralen Positionen in der Politik des Hauses dar. 1967 wurde eine Auswahl von Vertovs Schriften in deutscher Erstübersetzung vom Filmmuseum publiziert (Aus den Tagebüchern), 1972 restaurierten Peter Kubelka, Filmmacher und Filmmuseum-Mitbegründer, und Edith Schlemmer, langjährige Archivleiterin, Vertovs Tonfilm Ėntuziazm (1930). 1974 zeigte das Filmmuseum in der Graphischen Sammlung Albertina in Anwesenheit von Vertovs Witwe und künstlerischer Mitarbeiterin Elizaveta Svilova eine umfangreiche Ausstellung über sein Werk.
 
In den Jahren 1970-74 übergab Svilova einen großen Teilnachlass des Künstlers an das Filmmuseum, der den Grundstock der "Sammlung Dziga Vertov" bildet. Insgesamt umfasst die Sammlung heute ca. 100 Filmelemente, ca. 170 schriftliche Originale (Autographen und Montagepläne von Vertov), ca. 200 Fotos (Arbeitsfotos und persönliche Fotos), ca. 600 Pressedokumente aus aller Welt (überwiegend aus der damaligen Sowjetunion und Deutschland), zahlreiche Originalplakate und viele andere Dokumente.
  
Die Sammlung wurde von SlawistInnen wissenschaftlich bearbeitet und ist seit 2009 in Form einer Online-Datenbank zugänglich. Weiteres Material wird laufend recherchiert und in die Sammlung integriert. Ziel ist es, Film- und ZeithistorikerInnen einen Ort zu bieten, an dem sie für die Arbeit zu Dziga Vertov möglichst umfassende Primär- und Sekundärquellen finden.
 
Auch was die Publikations- und Präsentationstätigkeit betrifft, hat das Österreichische Filmmuseum seit 2004 an seine Vertov-Tradition der 1970er Jahre angeschlossen. Der Film Ėntuziazm wurde 2005 in einer Doppel-DVD-Edition mit umfassendem Zusatzmaterial herausgebracht und weltweit gefeiert.

Im Mai 2006 wurde unter internationaler Beteiligung die bis dahin größte Vertov-Retrospektive im Filmmuseum präsentiert. Zugleich erschien ein zweisprachiges, reich illustriertes Buch, das erstmals Einblick in den Teilnachlass gibt: Die Vertov-Sammlung im Österreichischen Filmmuseum.

Von 2007 bis 2010 hat das Filmmuseum zusammen mit dem Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien und der Interactive Media Systems Group der TU Wien das Forschungsprojekt Digital Formalism durchgeführt, das Vertovs Filmschaffen und Filmdenken zur Grundlage hatte.
 
Elizaveta Svilovas Auge, in dessen Pupille Vertovs Porträt erscheint (Fotomontage, 1931?)
  
Vertov und Svilova beim Abhören des Tons zu "Tri pesni o Lenine", 1934
Zum Abschluss des Projekts entstand die Doppel-DVD mit den beiden raren Meisterwerken Vertovs Ein Sechstel der Erde (1926) und Das Elfte Jahr (1928) und neuen Soundtracks des britischen Komponisten Michael Nyman.

Die Kinonedelja (Filmwoche) war eine sowjetische Wochenschau und die erste Filmarbeit von Dziga Vertov. Zwischen Mai 1918 und Juni 1919 wurden insgesamt 43 Ausgaben produziert. Vertov schrieb die Drehkonzepte und führte bei einigen Ausgaben auch Regie. Im Rahmen des Projektes EFG1914 wurden im Mai 2012 die im Filmmuseum vorhandenen Kinonedelja-Ausgaben – ergänzt mit weiteren Ausgaben und Fragmenten aus den Sammlungen des Dänischen Filminstituts in Kopenhagen sowie des Schwedischen Filminstituts – digitalisiert und in ihrer vollen Länge online zugänglich gemacht.
 
2014 brachte das Filmmuseum zum dritten Mal ein zentrales Werk des sowjetischen Meisterregisseurs auf DVD heraus. Vertovs "Film-Hymne" Drei Lieder über Lenin (1934) ist in der Edition Filmmuseum erstmals in den raren, von Vertov selbst bearbeiteten Stumm- und Tonfassungen von 1938 zu sehen. Die Doppel-DVD enthält außerdem zwei Lenin gewidmete Wochenschauen Vertovs aus dem Jahr 1925 – Kinopravda Nr. 21 und Nr. 22 – sowie den Dokumentarfilm Dziga Vertov (1974) von Filmmuseum-Mitbegründer Peter Konlechner.